Interview: Kinderbetreuung ist "Must have für starken Standort"

IV-Vizepräsidentin Sabine Herlitschka und der stv. JI-Bundesvorsitzende Nikolaus Griller über Vereinbarkeit, die Familien und Betrieben nützt. 

Kinderbetreuung und Elementarbildung sind in der politischen Debatte meist Randthemen…

Herlitschka: …und das vollkommen zu Unrecht! Denn egal, ob Vereinbarkeit von Familie und Beruf, faire Chancen für jedes Kind, mehr Fachkräfte für Unternehmen, die Stärkung des ländlichen Raumes oder die Gleichstellung von Frauen und Männern – überall spielen Kinderbetreuung und Elementarbildung eine zentrale Rolle.

Griller:
Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage und des Fachkräftemangels sind Investitionen in die Kinderbetreuung wichtige Investitionen für nachhaltigen Aufschwung und Beschäftigung. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein wichtiges Standortthema – und ein nicht zu vernachlässigender Faktor zur Gewinnung von qualifizierten Fachkräften und Mitarbeiterbindung.

Haben die Corona-Lockdowns das Thema Vereinbarkeit wieder auf die politische Bühne gehoben?

Herlitschka: Die Reformnotwendigkeiten in diesem Bereich sind natürlich schon lange bekannt. Aber die Lockdowns haben uns die Baustellen und den Investitionsbedarf noch klarer vor Augen geführt. Wir als Industrie setzen uns schon lange für Vereinbarkeit und Elementarbildung ein und wissen daher: Bessere Vereinbarkeit durch bessere Kinderbetreuung ist kein „nice to have“, sondern ein „must have“ für einen starken Standort.

Wie wird die IV das Thema weiter forcieren?

Griller: Wir sehen die Vereinbarkeit als zentrales Zukunftsthema, bei dem Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer an einem Strang ziehen müssen. Daher haben wir uns gut mit den Sozialpartnern abgestimmt – und das auch in den Bundesländern. Die IV sollte sich weiterhin mit aller Energie für Ausbau und Qualität in der Kinderbetreuung und Elementarbildung stark machen.

Herlitschka: Es muss jetzt weitere Anstrengungen der Bundesländer gemeinsam mit dem Bund und den Gemeinden geben. Unsere Unternehmen müssen bestmöglich dabei unterstützt werden, Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.

Die IV hat beim Thema Vereinbarkeit immer auch den Elementarbildungsaspekt betont – warum?

Herlitschka: Weil elementare Betreuungseinrichtungen erste Orte für Bildung sind, und nicht nur „Aufbewahrungseinrichtungen“. Die elementare Bildung ist für Kinder und Standort wichtig. Wir sehen aus Studien: Je früher in Bildung investiert wird, umso höher ist die Bildungsrendite. Kinder, die mindestens zwei Jahre den Kindergarten besucht haben, haben belegbare Kompetenzvorsprünge in Mathematik und Englisch. 15-Jährige schneiden bei der PISA-Auswertung besser ab, wenn sie schon vor der Schule einen Kindergarten oder eine ähnliche Einrichtung besucht haben.