War es das mit der Globalisierung?

Endlich Ende. Das Corona-Tal scheint durchschritten. Alle Blicke sind nach vorne gerichtet. Aber das, was kommt, wirft viele Fragen auf. Ganz eindeutig ist nur eine Antwort.

Musste das alles so kommen? Der Zusammenbruch der Wirtschaft, der Kollaps der Globalisierung, die Selbstzerstörung einer auf Profitmaximierung fokussierten Konsumgesellschaft. Standen wir nicht ohnehin schon an der Klippe – und Corona gab nur den entscheidenden „Schubser“?

Fragen wie diese poppten schon kurz nach Beginn der pandemischen Restriktionen auf. Sie stehen noch im Raum – auch wenn kritische Rückblicke in Zeiten optimistischen Nachvorneschauens nicht en vogue sind. Das liegt vor allem auch am Marketingtalent der Zukunft. Sie verkauft sich als verheißungsvolles Versprechen. Als Arena des Aufbruchs. Als Bühne der Besserung. Nur: Was ist das Narrativ des Neuen?

„Eine beschleunigte Oberflächlichkeit entwertet vielfach die Gegenwart, weil sie schon gestern nicht mehr am Stand von morgen war.“

Der tradierte Erzählfluss ist abgerissen. Eine Polarisierungsdynamik hat Platz gegriffen, die die Erfolgsgeschichte der Globalisierung hinterfragt. Deren Kernthese, dass – wenn Waren, Arbeit, Kapital und Personen möglichst ungehindert zirkulieren können – der Wohlstand wächst, weil jeder seine Stärken ausspielen kann, stößt auf Widerspruch. Auch wenn die Statistik dagegenhält. So ist mit wachsender Globalisierung die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, seit den 1980er-Jahren gesunken: laut Weltbank von 37 auf derzeit 8,5 Prozent. Global betrachtet ist die Schere zwischen Arm und Reich damit nicht auseinandergegangen. Sie hat sich geschlossen.

Was wäre überhaupt die Alternative? Protektionismus? Regionalisierung? Gerade für eine kleine Exportnation wie Österreich, in der jeder zweite Arbeitsplatz direkt oder indirekt durch den Außenhandel generiert wird und ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung durch ausländische Endnachfrage bestimmt wird, würde das den Ausnahmezustand wohl nur verlängern. Ja, das Überdenken weltweiter Vernetzung, das Knüpfen weniger komplexer Lieferketten, die Reduktion von internationalen Abhängigkeiten ist ein Gebot der Stunde. Aber in einer Volkswirtschaft, die derart – von Rohstoffen über Vorprodukte bis zu Absatzmärkten – vom Ausland abhängt, wäre zu viel Dorfidyll und Kirchplatzdenken wenig hilfreich.

Es ist Hauptaufgabe der Politik, diesbezüglich eine gerechte Ordnung zu schaffen, um tatsächlich gestärkt aus der Krise herauszugehen. Schafft sie das? Schwierig! Die Pandemie hat schonungslos Schwachstellen offengelegt. Es hapert beispielsweise an lebenswichtigen Strukturen für Innovationssysteme – nämlich, dass die Schnittstellen zwischen privatem und öffentlichem Sektor gut und zeitgemäß aufgestellt sind. Da liegt noch immer viel im Argen. In den politischen Institutionen dominiert von der EU-Ebene über nationale Parlamente bis hin zu Gemeindestuben ein komplexer „Clash of interests“ aus Ideologien und Interessen.

Dazu kommen allgemeine Heraus- und Überforderungen wie die Digitalisierung, die unser Bewusstsein neu formatiert hat. Die Art des Erwerbs, der Weitergabe und der Speicherung von Wissen hat sich – beschleunigt durch Corona – verändert. Es herrscht eine neue Qualität der Flüchtigkeit. Es gibt eine Verdichtung unfassbarer Vielfalt. Es dominiert eine Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Diese beschleunigte Oberflächlichkeit entwertet vielfach die Gegenwart, weil sie schon gestern nicht mehr am Stand von morgen war. Aber muss man deswegen gleich kampflos ins Exil der Kapitulation emigrieren? Sicher nicht. Denn eines ist fix: Die Zukunft kommt. Ganz losgelöst von den Prognosen unseres Untergangs.

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Foto: Fakt und Faktor

Klaus Höfler ist stellvertretender Chefredakteur des Blogs „Fakt und Faktor“. Zuvor war er für „Die Presse“ und „Kleine Zeitung“ tätig.