iv-positionen

Zwei Milliarden Euro für die Klimaneutralität im Burgenland

Die Energiekrise samt ihren Nebenwirkungen wie mangelnde Versorgungssicherheit und extrem hohe Energiepreise bringt besonders die Industrie in eine prekäre Situation. Die IV-Burgenland hat deswegen einen Arbeitskreis Energie unter der Leitung des Burgenland Energie-Vorstandsvorsitzenden Stephan Sharma ins Leben gerufen, um die Mitgliedsunternehmen bei diesem Thema optimal zu begleiten und zu informieren. Die iv positionen sprachen mit Stephan Sharma über die Pläne im Burgenland und seine Wünsche, um diese Pläne auch umsetzen zu können.

Die Kickoff-Veranstaltung zum neuen Arbeitskreis Energie fand auf dem Green Tech BioCampus statt. Was war die Hauptbotschaft bei der Wahl dieser Location?

Der GreenTech BioCampus ist für uns ein Herzensprojekt. Wir wollen dort denen, für die wir die Energiewende machen – unseren Kindern – zeigen, wie die Energiewende möglich ist. Mit Photovoltaik, mit Windenergie. Und wir wollen zeigen, dass diese Energiewende Spaß machen kann. Die Energie der Zukunft ist sauber, vor Ort vorhanden, unbegrenzt erzeugbar – und sie macht Spaß, weil sie mit der Natur und nicht gegen die Natur arbeitet.


Ohne Industrie, Forschung und Entwicklung ist die Energiewende nicht möglich. Damit diese gelingt, braucht es von politischer Seite dringend Unterstützung in Form von geeigneten Rahmenbedingungen. Was wünschen Sie sich in Österreich und im Burgenland in dieser Beziehung am dringendsten?

Die Bereitschaft, etwas zu tun. Wir haben alles in unseren Händen: Wir haben die Technologie, wir haben die Möglichkeiten. Aber wir müssen anfangen. Wir müssen den Menschen den Weg zur Energieunabhängigkeit näherbringen und ihnen auch preislich attraktive Möglichkeiten bieten. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr anpacken und nicht ständig darüber reden, warum etwas vielleicht doch nicht geht. 


Eine nationale Energieautarkie, auch eine burgenländische, (welche für Europa nie formuliert wurde) ist aus vielerlei Gründen in absehbarer Zeit nicht erreichbar. Emissionsfreie Alternativen sind gefragt. Welche politischen Entscheidungen sind nötig, um einen raschen Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft zu ermöglichen? Wasserstoff hat insbesondere für die Industrie einen hohen Stellwert, da er für die Dekarbonisierung von nicht elektrifizierbaren Prozessen eingesetzt werden kann. Beispiele dafür sind die chemische Industrie oder die Stahlerzeugung. Aktuell wird dafür zumeist Kohle oder Erdgas genutzt. Hier sollte die Politik attraktive Rahmenbedingungen für regional erzeugten, grünen Wasserstoff schaffen. Damit könnte man nämlich industriepolitisch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Dekarbonisierung der Industrie und Reduktion der Abhängigkeit von fossilen Rohstofflieferungen aus dem Ausland. 


Die gesteigerte Integration erneuerbarer Energien bringt aufgrund ihrer volatilen Verfügbarkeit die Stromnetze an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Wie sind die Pläne der Burgenland Energie, um den Netzaufbau voranzutreiben?

Wir bauen unser Stromnetz von einem zentralen Energiesystem auf ein dezentrales um, damit jeder die Möglichkeit hat, seinen Strom und seine Wärme lokal selbst zu produzieren. Dazu braucht es neue Stromleitungen, Umspannwerke und Trafostationen. Um das Netz im Burgenland fit für diese Aufgabe zu machen, werden bis 2025 rund 470 Millionen Euro investiert. Dies ist absolut erforderlich, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und die vermehrte erneuerbare Einspeisung zu den Verbrauchern zu bringen.


Speichermedien, die auch industrietauglich sind, würden enorme Abhilfe schaffen, um die nötige Ausgleichsenergie bereitzustellen. Landeshautpmann Doskozil hat neuartige Stromspeicher für das Burgenland in Aussicht gestellt. Können Sie uns etwas über die Wirkungsweise, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit solcher Speicher erklären?

Ende Mai haben wir gemeinsam mit dem Landeshauptmann und unserem Technologiepartner unsere Speicherstrategie vorgestellt. Unsere Analysen zeigen, dass wir eine Speichergröße von rund 300 MWh mit einer Leistung von rund 100 MW brauchen. Wichtig ist mir ganz besonders, dass wir auch hier einen konsequenten Weg mit einer organischen Technologie, also weg von teuren Metallen und konfliktbeladenen Materialien gehen. Wir sollten uns nämlich nicht in die nächste Abhängigkeit begeben. Die Wirtschaftlichkeit soll durch multifunktionale Verwendung gewährleistet werden, da Speicher unterschiedliche Funktionen, wie die Stabilisierung des Netzes, den Schutz von kritischer Infrastruktur und einer autonomen Energieversorgung haben können.


Das Burgenland ist mit seinem Anteil von bilanziell 113 Prozent an der Stromaufbringung über die Windkraft Vorbild bei den Erneuerbaren. Jetzt will man mit Photovoltaikanlagen auch in die Freifläche gehen. Die neuerdings raschen Verfahren und ausgewiesenen Bebauungszonen würden das erlauben. Die Bevölkerung fürchtet aber um ihre Äcker und die Versorgung mit Lebensmitteln. Wie argumentieren Sie da?

Ohne Flächen-PV-Anlagen erreichen wir nicht die Energieunabhägigkeit von ausländischen Öl- und Gasimporten. Ich warne davor, nicht ein zweites Mal einen großen Fehler in der Energiepolitik zu machen und in dieser Abhängigkeit zu bleiben. Es ist die unbequeme Wahrheit, dass Dach-, Carportund Lärmschutz-PV-Anlagen nicht ausreichen. Für die Flächen-PV brauchen wir nur 0,68 % der Landesfläche von Burgenland, also 27 Quadratkilometer. Im Vergleich dazu liegen 82 Quadratkilometer Ackerfläche im Burgenland brach. Wir können also die landwirtschaftliche Produktion steigern, die Energieunabhängigkeit erreichen und die Energiesicherheit mit Flächen-PV steigern. Und niemand braucht sich Sorgen um die Versorgung mit Lebensmitteln wegen PV-Anlagen machen. Außerdem sind vernünftige PV-Anlagen nicht gegen die Natur oder die Landwirtschaft, sondern mit der Natur und der Landwirtschaft. Wir unterstützen jede Idee zu Agri-PV – ob das Bienenstöcke, Anbauflächen oder Schafe sind. 


Die Energiewende bedeutet für Unternehmen einen gewaltigen Investitionsbedarf. Wie könnte die Politik da unterstützen?

Wir brauchen als Unternehmen nicht viel. Wir haben nur den Wunsch an alle politischen Parteien in diesem Land, dass man sich nicht nur öffentlich zum Ausbau von Wind und PV bekennt, sondern auch tatsächlich diesen aktiv unterstützt. Dazu gehören vor allem in Zeiten wie diesen, wo die Energiekosten explodieren, raschere Genehmigungen für die Errichtung von Erneuerbaren-Anlagen ohne parteipolitische Diskussionen. Denn jede einzelne Anlage macht uns ein Stück mehr unabhängig von den Öl- und Gasimporten aus dem Ausland. 50 % unseres Energiebedarfs, also 7 TWh importieren wir heute aus dem Ausland.


Um bilanzielle Energieunabhängigkeit und nicht nur Stromunabhängigkeit bis 2030 zu erreichen, braucht das Burgenland, laut Ihren Aussagen, zusätzliche 350 Windräder, 2700 ha PV-Anlagen und 300 MWh Speicherkapazitäten. Wie soll das in dieser kurzen Zeit umgesetzt werden und wer soll das bezahlen?

Wir brauchen hier Kostenwahrheit. Wir als Burgenland bezahlen aktuell für die Öl- und Gasimporte, vor allem an Russland, jährlich rund 400 Millionen Euro. Wir können so weitermachen wie bisher und jährlich an das Ausland für die Importe zahlen. Oder wir investieren das Geld selbst in unsere eigene Wirtschaft und machen uns so langfristig unabhängiger und nicht erpressbar. Damit würden wir nachhaltig unseren eigenen Wirtschaftsstandort stärken. Wir als Burgenland Energie haben uns das Ziel gesetzt, einen großen Beitrag zur Klimaneutralität im Burgenland bis 2030 zu leisten. Dafür haben wir uns eine neue Strategie mit Investitionen von zwei Milliarden Euro bis 2025 auch vom Aufsichtsrat genehmigen lassen. Das ganze Team in der Burgenland Energie arbeitet mit Hochdruck, dieses Ziel auch zu erreichen und die dafür notwendigen Anlagen auch auf den Boden zu bringen. Danke an dieser Stelle auch an alle Mitarbeiter:innen, die für dieses Ziel tagtäglich alles geben.